Was haben Sie den Frauen mit Ihrer Mode bislang beschert? Meine frühen Arbeiten haben immer gesagt: Frauen
sollen sich auch wie Männer anziehen dürfen. Frauen in Japan hatten damals zu
meiner Studienzeit immer Kostüme an und sahen aus wie Puppen. Ich fand das nicht
gut. Gleichzeitig dachte ich: Frauen in Militäruniformen, wie sexy!
Sie sagen: Schönheit
resultiert aus Makeln, Fehlern, Unzulänglichkei-ten, Zufällen. Warum?
Wenn die Dinge zu perfekt anliegen, wirkt alles wie
eine Skulptur, nicht wie Mode. Anders gesagt – und erlauben Sie mir jetzt mal,
kindisch zu werden: Ich habe mich nie in Models verliebt. Die sehen aus wie
Maschinen, nicht wie Menschen. Ich sehe immer nur die Fehler, die Schwächen, das
Unperfekte. Das zieht mich an.
Ich nenne Ihnen jetzt einige Begriffe, und Sie sagen
mir, was Sie damit verbinden, einverstan-den? Der erste lautet
Minimalis-mus. Nur ein anderes Wort für Faulheit.
Deutsche Kultur? (Lacht). Deutsche Kultur?
Adidas, Pina Bausch, Heiner
Müller, Barenboim, Bayreuth?
Und Wim Wenders. Ja, der auch. Gibt es etwas an der
deutschen Mentalität, der deut-schen Art zu denken, das Ihnen gefällt?
Über die Frage denke ich viel nach. Warum habe ich
so viel mit Deutschen zu tun? Wissen Sie, ich glaube, es ist ganz einfach so
gewesen, dass ich bei all den von Ihnen genannten Leuten gleich in der ersten
Sekunde, im ersten Moment, in dem ich sie traf, dachte oder besser fühlte: Ich
kenne denjenigen schon, wir kennen uns von früher, aus einer anderen Zeit. Es
gibt da etwas, das wir teilen. So etwas Vertrautes gab es da, wie wenn man sich
lange kennt. So was wie Telepathie, wenn Sie so wollen. Affinität. Man muss
nicht viel reden.
Und noch ein letzter Begriff: Wagner. Tristan und
Isolde. Heiner Müller wollte alle Konventionen der Oper niederreißen. Eine neue
Oper erfinden. Er gab mir den Auftrag, mit fast allen Regeln zu brechen, und ich
gab mir alle Mühe, dies zu tun. Heute kommt es mir so vor, als wären wir damals
kleine Kinder gewesen, und wir schrien gegen eine sehr hohe und starke Mauer an:
die Tradition.
Noch einmal: Warum tauchen so viele
Deutsche in Ihrer Biografie auf? Keine Ahnung. Wie war
das mit adidas? Warum nicht Nike? Die fand ich angenehm unmodisch. Nike war mir
immer irgendwie zu modisch, zu schnell.
Adidas:
verschlafen, deutsch… Handwerk. Tradition. Erbe. Die drei
Streifen. |
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Wie sind Sie überhaupt mit Adidas zusammengekommen? Einfache Geschichte. Ich wollte Turnschuhe in meine
Kollektion aufnehmen und bat meinen Assistenten, bei adidas anzurufen. Der Rest
kam von selbst. Keine Verträge. Einfache Zusammenar-beit. Jeder half dem anderen.
Geben und Nehmen. Mit der Zeit wurde die Sache immer ernster. Adidas wollte,
dass ich Teil der Firma werde, dass ich eine Kollektion für sie entwerfe, dann
kam es zum Vertrag, jetzt arbeiten wir zusammen.
Haben Sie sich mit der Firmenge-schichte
beschäftigt? Ich bekam damals
eine Führung durch das Archiv, was mich sehr inspiriert hat. Ich mag alte Dinge.
Ich war zwar ein Anfänger im Bereich der Sportmode, Sportschuhen, aber eins war
mir von Anfang an klar: Die Sachen, die es da auf dem Markt gibt, die sind
scheußlich. Das kann nur besser werden. Ich machte einen Besuch im
Nike-World-Geschäft in New York, stand vor den Regalen und musste laut schreien,
so hässlich fand ich das alles. Die Schuhe kamen mir vor wie Monster.
High-Technology-Monster.
Manche sehen aus wie
Computer, Ghettoblaster. Prothesen.
Künstlich. Wie
sieht Ihr Turnschuh aus? Weniger wie Monster.
Hat Ihre
Arbeit einen Bezug zu unserer Gesellschaft, Politik, Welt? Ich sage: Setz dich hin, beruhig dich, du drehst dich in
einem Karussell, das sich zu schnell dreht. Die Mode hat den Respekt vor der
Kleidung verloren. Mein Job ist es, den Respekt für die Kleidung
zurückzugewinnen. Merchandising und Werbung sind zu stark, zu dominant geworden
in den vergangenen Jahren. Ich sage: Moment, macht mal halblang!
Frisst sich das System selbst? Die Schönheit verschwindet.
Warum? Die Beschleunigung der Dinge verhindert es, dass
man darüber nachdenkt. Zweifel werden ausgeschlossen. Alle folgen. Bis alles
allem ähnelt. Eine Art Gleichschaltung.
Mit
Marken. Ja, genau.
Logos gehen um. Marken. Seelenlose, von Maschinen gefertigte Marken.
Schon mal ans Aufhören gedacht?
Ja, gerade vor zwei Jahren. Und? Ich litt. Ich kämpfte gegen den Gedanken. Dann
dachte ich mir: Komm rein, Gedanke. Plötzlich war mir alles egal. Ich machte
weiter. Aber in Wirklichkeit machen Sie hier gerade ein Interview mit einem
Designer, der sich längst zur Ruhe gesetzt hat.
Machen Sie Sport? Außer Kung-Fu? Ich mache kein
Kung-Fu. Ich mache nur Karate. Kein Tennis, Fußball, Joggen. Karate ist mein
Ding, weil es für mich wie Klavierspielen ist. Klavierstunden nehmen. Ich mag
das. Seit zwölf Jahren...
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